ISG-Meeting 2011 in Radautz – ein unvergessliches Erlebnis

Die Internationale Shagya-Araber Gesellschaft ISG lädt ihre Mitglieder und Freunde jährlich zu einer Delegierten-Versammlung ein, die in einem der Mitgliedsländer stattfindet. 2009 war das in Futterkamp an der Ostsee, 2011 in Stadl-Paura in Österreich und in diesem Jahr waren wir vom 7. bis 10. Juli nach Radautz in Rumänien an der ukrainischen Grenze eingeladen.
Das Staatsgestüt Radautz ist eines der Stammgestüte der Shagya-Araberzucht und so folgten wir gern und gespannt der Einladung in dieses entfernte Land.
Die meisten der über 60 Teilnehmer landeten in Bukarest und nahmen an der 8-stündigen Fahrt im klimatisierten Bus quer durch Rumänien teil. Weite Landschaften, große und winzige Felder sowie die Begegnung von modernsten Fahrzeugen mit altertümlichen Pferdefuhrwerken ließen uns immer wieder die Kameras zücken.
Das rumänische Landwirtschaftsministerium versorgte uns bestens mit kühlen Getränken und vorzüglichen, üppigen Mahlzeiten.
Am Samstagvormittag besuchten wir das Gestüt Radautz, wo extra für uns die
Hengste vorgestellt und im Freispringen präsentiert wurden. Wir bekamen einen ersten Eindruck von der Typvielfalt, wie sie in Radautz gepflegt wird. Nachmittags fuhren wir in das Gestüt Mitok und besuchten die Stutenherden auf der Weide. Bereits die Ankunft liess uns staunen: von der Anhöhe konnte man über die weitläufigen Weiden blicken, auf denen die großen Herden nur als kleine dunkle Verschattungen erkennbar waren. Ein Flußbett zog sich durch die Weide, das im Frühjahr dem Schmelzwasser aus den Karpaten genügend Raum bieten muß, nun im Hochsommer aber ziemlich trocken und steinig in der Sonne lag. Auf einer Insel döste eine große Gruppe Jungstuten.
Die weitläufigen Stallungen wurden von Storchennestern geziert, überhaupt sahen wir viele von diesen bei uns so seltenen Vögeln.
Wir mussten wir weit laufen, bis wir die erste Pferdeherde trafen: die Mutterstuten mit ihren Fohle
n. Sie rotteten sich als Herde enger zusammen angesichts der Menschenmassen, die auf sie zu kamen, blieben aber interessiert stehen und bald mischten sich die Besucher aus aller Welt unter die Pferde. Hans Brabenetz, ein Kenner der Shagya-Araberzucht und insbesondere des Gestütes Radautz , stellte uns einige der Zuchtstuten vor – und hier waren die deutlichen Brandzeichen eine gute Hilfe, da wir so die genannten Pferde in der großen Herde leicht identifizieren konnten.
Wir bestaunten auch die üppige Pflanzenvielfalt, neben diversen Grasarten bereicherten verschiedene Kräuter und Wildblumen das Futterangebot der Pferde. Riesige Bäume und einige Büsche am Flußufer bo
ten Schatten, die unterschiedlichen Bodenarten übten verschiedene Abnutzungs- und Belastungsreize auf die Beine der wachsenden Pferde. Kein Wunder, dass „Hart wie ein Radautzer“ seit über 200 Jahren ein fast unerreichbares Vorbild für andere Pferderassen ist.
Nach den Mutterstuten besuchten wir auch die Jungstuten und güsten Stuten,
die in mehreren Gruppen auf der riesigen Weidefläche grasten, die wir vom Bus aus beobachtet hatten. Auch diese Herde, von der man in dieser Weite eigentlich den Eindruck von halbwildem Leben hatte, blieb vertrauensvoll und interessiert stehen und liess sich von den Menschenmassen bestaunen, anfassen und kraulen. Alle Pferde waren in gutem Futterzustand, glänzendem Fell und ordentlichen Hufen. Vom Fluß kam eine Gruppe zu uns und wir konnten beobachten, wie die Pferde aus „unserer
Herde“ ihre Aufmerksamkeit dorthin zuwandte, und nach einiger Zeit aktiv auf diese ankommenden Pferde zuging und sie begrüßten. Natürliches Herdenleben, wie wir es zuhause nicht mehr erleben können – ein Genuss!
Neben der riesigen Weidefläche lag ein kleines Stück Grasland, auf dem ein Bauer mit seiner Frau das trockene Heu mit Rechen in Reihen legte. Am Rand graste ihr Pferd neben dem Leiterwagen, auf dem später das Heu nach Haus eingefahren werden sollte. Dieses manuell gewendete Heu war von bester Qualität, ein schöner Lohn für die schwere Arbeit. Überall im Land sahen wir die Bauern bei dieser mühevollen Handarbeit. Auch viele Reuterstöcke standen auf den Feldern, eine Technik qualitätsvolles Heu bei ungünstigen Wetterbedingungen zu ernten, die bei uns zugunsten der Silage-Technik in Vergessenheit geraten ist.
Die Delegierten-Versammlung, der eigentliche Anlass der Reise, fand am Samstagvormittag in sachlicher Atmosphäre statt. Alle Beschlüsse wurden einstimmig gefasst, was nicht heißt, dass nicht auch leidenschaftlich und
kontrovers diskutiert wurde. Mehr dazu sh. ISG-Protokoll 2011 und Anlage zum Protokoll ISG-Meeting 2011.
Jeder Teilnehmer erhielt als Gastgeschenk vom Gastgeber die beiden letzten Ausgaben der Radautzer Stutbücher (800 Seiten stark!) und die Stutbuchregeln – was für ein Schatz!
Nachmittags fuhren wir nach Radautz auf die Rennbahn, wo eine Zuchtschau für uns organisiert worden war. Hier wurde uns die zur vielseitigen Nutzung passende vielfältige Typausprägung der Radautzer Shagya-Araber deutlich präsentiert. Hier werden noch Linien gepflegt, die in Westeuropa selten geworden sind. Eine wertvolle Genreserve! Alle Pferde zeigten sich in kräftigem Kaliber und meist großem Rahmen. Ich hätte mir beim Gang manchmal etwas mehr Elastizität gewünscht. Interessanter Weise siegte der Hengst Shagya LXII, der auch Vater der Siegerstute war. Einen schöneren Erfolg kann e
s für Züchter kaum geben, als wenn hochdekorierte Pferde sich auch in der Vererbung positiv einbringen.
Zum Abschluss wurden uns verschiedene Pferde am Sprung, im Dressurviereck, unter Kindern, vor dem Wagen und mit spanischer Dressur gezeigt. Nur die Rennbahn wurde diesmal nicht voll ausgenutzt – aber das haben die Radautzer in ihrer Leistungsprüfung und das Ergebnis kann sich sehen lassen: vielseitige, harte Pferde eben, seit über 200 Jahren. „Hart wie ein Radautzer“ - nun verstehen wir besser, warum das so ist.









